21. Juni 2011

Deutsche Startups in der Krise? Shopperella vor dem aus!

Geschrieben von Petra Hamacher . Eingeordnet unter Kurioses | 13 Kommentare

Insolvenz der Startups in Deutschland: Shoperella und AllesAnna

Insolvenz der Startups in Deutschland: Shopperella und AllesAnna (Quelle:Thorben Wengert/pixelio.de)

Nun scheint es amtlich zu sein: Wie man heute morgen bei deutsche-startups.de lesen konnte, ist das deutsche Startup Unternehmen Shopperella pleite. Im Übrigen ebenso insolvent wie die Online Drogerie AllesAnna. Aber warum ist das so und warum scheitern solche Startups, die eigentlich namenhafte Gründer ihr eigen nennen können?

Zunächst einmal schauen wir uns an, was die Gründer des Kindermoden Marktplatzes Shopperella selbst dazu zu sagen haben (Quelle: deutsche-startups.de). Demnach gibt es vier Faktoren, die für das Scheitern verantwortlich gemacht werden:

  1. Die Endkunden sind doch sensibler, was den Preis angeht, als angenommen.
  2. Das Marketing war konplexer als gedacht. Gerade SEO un SEM waren kostspieliger als angedacht, da so viele Produkte (100.000) so vieler Händler beteiligt waren. Mit 10 Mitarbeitern und 10 Werkstudenten war dem schwer gegen zu steuern.
  3. Die Logistik beziehungsweise das Versandproblem ist eines der Hauptgründe, warum das Konzept nicht funktioniert. Viele Händler bedeuten für den Endkunden zu viele Versandkosten.
  4. Das Investment-Risiko war einigen dann doch zu hoch.

Nochmals zur Erinnerung: Die hier zitierten Gründer sind keine unbeschriebenen Blätter. Hier waren Gründer beziehungsweise Mitglieder folgender Unternehmen beteiligt (ich zitiere aus dem Interview): “Mitgründerin Manuela Stoll”, “Nino Ulsamer, der zuvor das Dienstleistungsunternehmen Wevade gegründet hat”,  die “Macherinnen der Mütterplattform Netmoms” und “der ehemalige VZ-Mann und netmoms-Investor Michael Brehm, dessen Online-Drogerie AllesAnna kürzlich ebenfalls scheiterte.”

Da stellt sich mir persönlich unweigerlich die Frage, wie kann das sein?

Wie kann es sein, dass solche Projekte trotz Erfahrung in den Sand gesetzt werden und 20 Mitarbeiter nun plötzlich mit der Insolvent ihres Arbeitgebers konfrontiert werden?

Meine Einschätzung dazu ist schlicht und ergreifend: Völlig ungeplanter Übereifer! Und vielleicht auch ein Schuss Naivität gepaart mit Erfolgsglaube.

Was hätte bei Shopperella besser laufen können?

Und jetzt im Ernst, was hätte man wohl besser machen können? Da wir alle nicht hinter die Kulissen sehen können, stelle ich hier mal einige Behauptungen auf, die vielleicht ins Schwarze aber auch daneben treffen können. Nichts desto trotz sollten andere Startups mit diesen Überlegungen beginnen, um nicht so zu enden, wie Shoperella oder AllesAnna.

Stetige Analysen sind für Startup Unternehmen sinnvolle Investition

Stetige Analysen sind für Startup Unternehmen einfach sinnvoll (Quelle:Konstantin Gastmann/pixelio.de)

These 1: Vorab hätte eine bessere Marktanalyse und eine Kundenbedarfsanalyse dem Unternehmen nicht geschadet.

Eine Markt- und eine Bedarfsanalyse hätten vorab vielleicht deutlicher gezeigt, dass Mütter einfach neben der Qualität auch auf den Preis achten. Meiner Meinung nach spielt das Argument “Analysen sind teuer” keine Rolle, wenn 1. dadurch eine spätere Pleite vermieden wird und 2. es so einfach ist, wie im Bereich der Online Shops. Hier stehen nämlich dutzende von Einzelkämpfern zur Verfügung, die man nach Ihren Erfahrungen mit Kunden fragen könnte. Wer diesen Aufwand des Telefonierens nicht betreiben will, der sollte direkt aufgeben.

These 2: Eine Marketingstrategie umfasst nicht nur TV Werbung

Wenn ich mich recht erinnere, ist mir Shoperella erstmals mit einem Werbespot aufgefallen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, was solche Werbung einfach an Kosten verschlingt. Wenn im Interview über die bösen, bösen SEO und SEM Kosten gewettert wird und über die unflexible Steuerbarkeit dieser Instrumente, dann frage ich mich allen Ernstes, welche Strategie hier vorab entworfen wurde und in welchem Verhältnis dabei ein TV Spot gegenüber der Online Werbung stand?

Allen Shopbetreibern raten wir immer wieder: Eine langfristig angelegte Strategie (siehe hier im Blog), die genau auf meinen Bedarf und auf mein Ziel ausgerichtet ist, erspart hinterher viel Ärger! SEM kann viel Budget verbrauchen, das bestreite ich gar nicht, aber mit etwas Fachwissen kann man die Ausgaben nach und nach reduzieren. Dies praktizieren gute SEMler den ganzen Tag über!

Was mich aber am meisten wundert: Wie kann man mit 20 Personen nicht rechtzeitig reagieren? Für mich hört es sich so an, als wäre hier der Aufwand maßlos überschätzt worden!

These 3: Das Versandproblem ist nicht unbekannt

Auch diese Aussage der Gründerin stößt bei mir auf Unverständnis. Shopbetreiber verwenden viel Zeit im Laufe eines Shoplebens, um die richtigen Bezahl- und Versandmethoden für ihre Zielgruppe zu finden. Denn nicht jede Zielgruppe hat die gleichen Vorlieben! Daher raten wir Shopbetreiber auch extra zu solchen analytischen Ansätzen. Das Problem der unterschiedlichen Versandkosten bei diversen Händlern ist nicht unbekannt, es gibt aber gute Ansätze von anderen Plattformen. Ein wenig Recherche vorab hätte meines Erachtens auch hier geholfen!

These 4: Langfristige, ehrliche Budget- und Risikoplanung!

Mögliche Krisen eines Startups schon vorab mit einbeziehen

Mögliche Krisen eines Startups schon vorab mit einbeziehen (Quelle:Rainer Sturm/pixelio.de)

Dieser Punkt ist für mich der heikelste Punkt. Als Teil eines Startup Unternehmens weiß ich, wie viel Aufwand man vorab in eine ehrliche Budget- und Risikoplanung stecken muss und sollte. Das kann ich nur jedem Unternehmer raten! Erfreuen Sie sich an jedem Erfolg, aber planen Sie jedes Risiko mit ein! Nur dann können Sie vorab einschätzen, wann und in welchem Extremfall investiert werden muss und wie hoch. Haben Sie das Budget für solche Investitionen? Gut! Wenn nicht, Finger weg!

Warum andere “Projekte” wie Tradoria und Dawanda besser laufen

Als Fazit möchte ich noch mal kurz zusammenfassen, warum andere Marktplätze meiner Meinung nach besser laufen – trotz gleicher Problematiken. Beispielhaft dafür finde ich Tradoria und Dawanda, deren Marketingstrategien sich lohnen, genauer betrachtet zu werden (dafür braucht es kein Amazon, wie Gründerin Scholl leider anführt):

  • Keine zu großen Ausgaben auf einmal: Wenn schon den Schritt in die TV-Landschaft dann als Gewinnspielsponsor – die Kosten halten sich in Grenzen
  • Keine Anonymität: Die Nähe zu den Händlern suchen und mit ihnen das Unternehmen entwickeln (Veranstaltungen mit und für Händler)
  • Stetige Analysen der Konkurrenz, des Marktes und der Kunden
  • Stetiges, aber langsames Wachstum der Mitarbeiter (fähige Mitarbeiter zu ergattern dauert eben)
  • Gezielte Online Werbung über Social Media bis hin zu gezielt gesetzte SEM Strategien
  • Seeeeehr viel Content als SEO Maßnahme
  • Gute Partner
  • Leichte Anpassung an (Markt-)Veränderungen durch das geschickte aufteilen der einzelnen Unternehmensbereiche – selbst bei wachsender Unternehmensgröße flexibel handeln
  • (Venture) Kapitalgeber finden und diese mit realistischen Zahlen an sich binden

Wer wird wohl der nächste Pleitegeier unter den Startups?

Hier könnte man auch eine Reihe an Spekulationen abgeben. “Mein-Paket” wäre so ein Kandidat, aber hinter diesem Projekt steht einfach ein zu großes Unternehmen, so dass zumindest das Investment keine große Rolle spielt. Dennoch sieht man auch hier einige Unbedarftheit, mit der an solche Unternehmungen herangegangen wird – von Griechenland mal ganz zu schweigen J.

Was meint Ihr?

13 Kommentare zu “Deutsche Startups in der Krise? Shopperella vor dem aus!”

  1. Michel on Dienstag, 21. Juni 2011 um 11:26 Uhr

    Hi Petra,
    klasse, endlich mal jemand der es ausspricht.
    Viele Leute haben von online keine Ahnung und sind zu “schlau” um Profis zu fragen. Das es dafür noch Investoren gibt….
    Hoffe das “Wir machen das wie Zalando, nur kleiner” Virus ist bald den Bach runter.
    Die Probleme Preis / Marketing /Versandkosten sind doch das erste was ich bei meinen Kunden Abfage.
    Nun ist nur noch selbskritisch anzumerken…wenn wir das besser wissen, warum schaffen wir es dann nicht, das die Kunden VOR dem Desaster zu uns kommen?
    Ich arbeite dran…
    Grüsse von
    Michel

  2. Petra Hamacher on Dienstag, 21. Juni 2011 um 11:32 Uhr

    Michel » Vielen Dank für das Kompliment!
    Ich finde, dieser Größenwahn ist echt nicht schön, daher kommen die Kunden auch nicht vor dem Desaster. Es gibt einfach zu viele “graue” Schafe, die den Erfolg leichtfertig versprechen und vor allem auch noch leicht aussehen lassen. Blenderwerk eben! Aber ich bin optimistisch, dass es besser wird, wenn der Boom vorbei ist. :)
    Viele Grüße
    P.S.: Ich hab den Link mal gekürzt. :)

  3. Torsten on Dienstag, 21. Juni 2011 um 16:10 Uhr

    Warum SEO und SEM als so kostspielig empfunden wurden, wenn gleichzeitig in ein Magazin und in Fernsehwerbung investiert werden konnte, kann ich immer noch nicht verstehen. Meiner Meinung nach sollte man seine Hausaufgaben doch zunächst mal in dem Medium machen, mit dem man Geld verdienen will. Unabhängig davon hat sich mir als potentiellem Kunden nie der Vorteil dieses Marktplatzes deutlich gemacht, da ich, wenn ich die Versandkosten pro Marktplatzteilnehmer zu tragen habe, ja auch gleich direkt in dessen Shop bestellen kann – meist sogar noch günstiger mit einem entsprechenden Gutschein. Auf der anderen Seite hat sich der Marktplatz technisch in den letzten Monaten extrem weiterentwickelt – vielleicht findet sich ja ein Betreiber, der das Projekt weiterführt und die richtigen Weichen stellt…

  4. Michael on Dienstag, 21. Juni 2011 um 21:19 Uhr

    Zitat: Das Problem der unterschiedlichen Versandkosten bei diversen Händlern ist nicht unbekannt, es gibt aber gute Ansätze von anderen Plattformen. Ein wenig Recherche vorab hätte meines Erachtens auch hier geholfen!

    Hier würde mich interessieren, welche Lösungen du explizit meinst.

    was SEO angeht, kann ich nur sagen, dass shopperella.de sehr schlecht war. Keine Sichtbarkeit und kaum vernünftige Links gesammelt gepaart mit massiven Onpagefehlern.

  5. Markus on Dienstag, 21. Juni 2011 um 23:34 Uhr

    Ich bedauere die Insolvenz von Shopperella, insbesondere für die Gläubiger und Mitarbeiter. Schon vor der Insolvenz ist mir das aggressive vorgehen im Marketing aufgefallen und ich habe mich stets gefragt warum die gewählten Kanäle (z.B. Fernsehwerbung) verwendet werden. Wie sich nun herausstellt war der ROI dieser Kampagnen nicht ausreichend bzw. nicht zeitnah. Das es sich um insgesamt 20 Mitarbeiter bei Shopperella handelt habe ich erst heute mitbekommen, hier währe wirklich interessant womit sich diese beschäftigt haben? Insgesamt habe ich den Eindruck das hier zu langfristig gedacht wurde ohne die kurzfristige Liquidität sicherzustellen.

  6. Petra Hamacher on Mittwoch, 22. Juni 2011 um 02:29 Uhr

    Michael » Ich kann hier nur zustimmen, wie auch Torsten schon sagte: In Sachen SEO und SEM waren die Strategien nicht sehr ausgereift. So scheint es zumindest. Und Katrin hat durchaus Recht, schade um die 20 Mitarbeiter, aber mich würde auch interessieren, was die Aufgabenbereiche waren. Meines Wissens kommen andere Projekte mit kleinerer Mitarbeiterzahlt sehr gut über die Runden, andere zwar widerum nicht. Also schließe ich daraus, die Mitarbeiteranzahl ist unerheblich, wenn Planung und / oder Wissen stimmen.

    Was die Versandkostenmodelle angeht, so hatte ich mir schon vorgenommen, dass ich das noch einmal genauer beleuchte: Wie andere das regeln, wie deutlich das dem Kunden kommuniziert wird und ob dies überhaupt Einfluss auf das Kaufverhalten hat. Man darf also gespannt sein :) Grundsetzlich sehe ich es aber so, dass man über dieses Problem vorher hätte nachdenken können, hätte sollen, müssen…

    EDIT: Was mir noch eingefallen ist, es gab auch ein Magazin und einen Blog von Shopperella. Das will ja auch gestaltet und mit Inhalten gefüllt werden. Aufgabengebiete, welche sicherlich viel Manpower abgezogen hat! Ziele aus den Augen verloren?

  7. Ralf on Donnerstag, 23. Juni 2011 um 09:34 Uhr

    Die Insolvenz von Shoperella überrascht zunächst, da das Look & Feel das Shoppen zum Vergnügen gemacht hat. Dabei war mit die Versandkostenproblematik bisher gar nicht so bewusst. Aber vor dem Hintergund dessen sowie des offensichtlich völlig falsch gewählten Marketingmixes wohl die logische Konsequenz. Ein gesundes Wachstum von innen heraus mit optimalen voreingestellten Basics hätte Shoperella wohl eher zum Erfolg verholfen. Bedauerlich …

  8. Petra Hamacher on Freitag, 24. Juni 2011 um 09:28 Uhr

    Ralf » Dein Statement, dass das Look & Feel einer Plattform einen User glauben macht, dass es dem Shop gut geht, bestärkt mich darin zu sagen, nur mit stimmigem Konzept kann ein Online Shop heutzutage überleben. Ein Investment ins Design oder ein Investment in TV Werbung / Magazin kann nicht alles sein. Und ja, ich bedaure diesen Verlauf und wünsche allen Mitarbeitern weiterhin viel Erfolg und gute Strategien!

  9. Versandkosten in Marktplätzen! Welche Möglichkeiten gibt es? Was ergibt Sinn? » shop-optimieren on Freitag, 24. Juni 2011 um 12:47 Uhr

    [...] ist nach einem Jahr des Versuchs der Marktplatz Shopperella leider in die Insolvenz gegangen. Die Aussagen der Gründer haben wir hier schon kurz beleuchtet. Es kam die Frage auf, was genau das Problem der Versandkosten [...]

  10. severint on Montag, 27. Juni 2011 um 15:40 Uhr

    Hallo,
    sehr guter Artikel – hier ist meine Analyse zum Thema, an der Diskussion hat sich auch Gründerin Manuela Stoll beteiligt:

    10 Gründe, warum online Marktplätze meist nicht funktionieren.
    Beste Grüße,
    severin

  11. Michael Wiechert on Sonntag, 3. Juli 2011 um 17:24 Uhr

    Hmm,

    wir haben mit unserem Shop http://www.taufringe-direkt.de ja selbst auf Shopperella verkauft – und für uns kam dort zumindest mehr bei rum als bei Tradoria, Hitmeister oder MeinPaket, wenn auch auf bescheidenem Niveau. Wobei Shopperella so freundlich war unsere Artikel selbst per SEM zu bewerben – wobei ich stets gezweifelt hab, dass sich dies für die rechnen kann.

    Auffällig fand ich aber einerseits einen gewissen Wackelkurs im Laufe des Jahres – zuerst gabs keine Personalisierungsmöglichkeit, dann wurde dies groß heraus gestellt, zuerst sollte es Grundgebühr kosten, dann wurde erstmal auf diese verzcihtet, zuerst war es ein reine Marktplatz, dann find Shopperella auf einmal an selbst zu verkaufen, was viele Händler sicherlich nicht lustig fanden etc pp

    Natürlich entwickelt sich ein solche Projekt dynamisch, aber auf mich machte dies nicht immer den professionellsten Eindruck.

    Vor allem aber dürfte man einfach zuviel zu schnell gewollt haben – wenn man direkt in Fernsehwerbung und in Payback investiert, ist die Kriegskasse halt sehr schnell leer.

  12. Stefan Burkhardt on Dienstag, 5. Juli 2011 um 13:43 Uhr

    Schade…Shoperella war ein schöner Marktplatz für eine sehr angenehme Zielgruppe. In unserem Multi-Channel-Vertrieb von personalisierten Babyartikeln war Shoperella.de ein weiterer Baustein in unserem Vertriebssystem. Trotz unserer eigenen Webseite [edit: link steht schon oben, hab ihn daher raus genommen] hatten wir uns entschlossen hier zu verkaufen und freuten uns gerade über die Personalisierungs-Möglichkeiten, als wir von der Insolvenz erfuhren.
    Falls jemand Shoperella weiterführt sind wir sehr gerne wieder dabei.

  13. Merten on Freitag, 2. März 2012 um 10:08 Uhr

    Ich denke, dass ich recht viel im Internet kenne, da ich mich auch beruflich damit beschäftige. Mir ist dieses Portal vorher noch nie über den Weg gelaufen. Da war die Werbung wohl nicht effektiv genug oder die Grundidee nicht ganz richtig.

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