12. November 2013

Gedanken zum “Rewe-Prinzip”

Geschrieben von Petra Hamacher . Eingeordnet unter Konzeptideen, Marketing | Keine Kommentare

Eben habe ich bei meiner morgendlichen Recherche einen Artikel der Frankfurter Allgemeinen gelesen (ich! muss man sich mal vorstellen…). Jedenfalls bin ich ganz froh, den Artikel nicht übergangen zu haben. Es geht um das Rewe-Prinzip. Was das ist?

Es folgt eine kurze Zusammenfassung und anschließend einige Gedanken dazu :)

Der Franzose und Rexe-Chef Alain Caparros hat eine neue Strategie! Wie? Sie kennen den Chef des drittgrößten Handelskonzerns in Europa (Rewe) nicht? Macht nichts, finde ich. Es reicht, wenn man seine Zukunftsvisionen kennen lernt. Aber die sollte man mehr als verinnerlichen! Also nochmal, Caparros hat eine neue Strategie. Er möchte, dass die Menschen einen Ort zum Einkaufen finden, den sie so “lieben wie früher den Marktplatz”, den “Gästen Balsam für die Seele reichen” – wie er selbst sagt. Man soll bleiben. Nicht nur rein, kaufen, bezahlen und wieder raus. Nein. Man soll Erlebnisse haben (und dabei die Rechnung weniger beachten). Zitat aus dem Artikel: “Caparros nimmt einen Batzen Geld in die Hand. Für 1,5 Milliarden Euro putzt er in diesem Jahr die europaweit 3.000 Supermärkte heraus, so viel wie noch nie. Die Hälfte dieses Betrags fließt nach Deutschland.”

Klar, das kommt einem die Idee, die dahinter steht aus den großen Einkaufszentren durchaus bekannt vor. Bei uns im Ort gibt es jetzt eine Spiel-Etage mit diesen Reittieren für Kinder. Tolles Erlebnis übrigens, wenn die Kinder nicht mehr aus dem Einkaufszentrum nach Hause wollen. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls geht es hier um Lebensmitteleinzelhandel und man soll dort zukünftig “Kaffee trinken und Kontakte knüpfen”. Fehlt nur noch Sokrates, der die Menschen mit Fragen zum Diskutieren auf dem Marktplatz aufforderte… (schon wieder anderes Thema) Caparros Ziel ist aber nicht die geistige Aufklärung. sondern er will die Menschen bei ihren Emotionen packen, sie einfangen wenn es um ihre Gefühle geht, eine Art “Rewe-Community” schaffen (wer die Tauschbörsen der Rewe-Sticker auf FB verfolgt, weiß, wie groß diese Lobby ist!!!). Die Billig ist das neue Geil Methode will er abschaffen und eher Kundenbindung über die Wohl-fühl-Schiene schaffen. Mit den WWF-Bildchen und der Hilfe für die Tafel fängt es schon an und soll sich nun zu einem Bistro mit Flair ausweiten. Dass dort eine Kraft dahinter steht, die mit 50 Milliarden Euro Umsatz weit mehr bewirken will… Nun, hier geht es ums Prinzip und nicht darum, was man mit dem Mehr an Erwirtschaftetem anfangen könnte.

Das Prinzip bewährt sich bereits

Jeff Jarvis (Buchtitel: What would Google do?) hat schon oft darauf hingewiesen (und ich habe es schon diverse Male erwähnt), dass Google einen entscheidenden Grundgedanken hat: Gemeinsam ist man stark, gemeinsam entwickeln Menschen eine (Kauf-)Kraft.  Es gibt eine billige (ich mag sie nicht) TV-Werbung, die ähnlichen Inhalt direkt transportiert. “Wenn wir alle das eine wollten, dann könnten wir…” So grund-einfach funktioniert das Prinzip aber wiederum auch nicht. Jedenfalls nicht so unglaublich platt.

Was funktioniert ist das Wecken von Begehrlichkeiten, mit der sich eine Horde an Menschen angesprochen fühlen und die daraus eine Eigendynamik entwickeln. Wer dann noch Informationen über seine “Käufer” sammelt, der hat so gut wie gewonnen! Google hat sich das bereits zu Nutze gemacht: Die Begehrlichkeit des Suchens in eine Dynamik fließen lassen und durch gesammelte Informationen gezielt Informationen wieder auszugeben. Das ist die Idee, die heute mehr Umsatz generiert als sich manch einer auch nur vorstellen kann. In anderen Ländern wird dieses Prinzip (teilweise in uns bekannten Firmen) bereits besser von der Allgemeinheit angenommen (Starbucks etc.) als hier in Deutschland. Hier hat jeder Angst vor Dynamik (und vor allem Angst, Daten zu sammeln).

Caparros macht es aber wie Google und transportiert diesen Gedanken wieder raus aus dem Internet: Sich die Gefühle zu Nutze machen. Billig, schnell und viel – diese Zeiten sind vorbei bzw. sprechen eine andere Zielgruppe an. Google und Rewe geht es um mehr als nur einen “billigen” Einkauf, sie wollen etwas vermitteln und Bindungen schaffen. Es geht um (viel) Geld! Wer wird sich gegen das Internet (und die Konkurrenz) durchsetzen? Wer wird es schaffen, dass Kunden lieber im Supermarkt als online einkaufen? Und wer wird den Trend der Zeit am besten erfassen? Dem Artikel ist auch zu entnehmen, dass das Prinzip mit der Elektronikkette von Rewe eben nicht geklappt hat. Da ist Geiz ist G… doch stärker. DANN muss man sich aber auch trennen können, sich auf die Stärken besinnen und weitermachen! Im Bereich der Bio-Produkte ist es Rewe gelungen, denn hier haben sie schon einmal einen Trend gesehen und aufgenommen.

Und meiner Meinung nach wird das “neue” (Rewe-)Prinzip ebenfalls Erfolg haben. Einen Trend zu erkennen, dazu gehört schon was, aber ihn auch frühzeitig zu nutzen, dazu gehört Können. Und das kann Caparros. Ich verstehe fast nicht, warum er erst jetzt so drastisch wird. Klar, die Planung für Bistros in Rewe-Supermärkten braucht seine Zeit (und Caparros mischt auch erst seit 2006 im Konzern mit) und viele wollen nicht, dass er beispielsweise mit dem Geld aus dem Stationären Handel auch Online Shop aufbaut, aber sein Prinzip ist so alt wie die Römer und Ihre Brot und Spiele Events. Warum sollte es nicht erfolg haben?

Was können wir daraus lernen?

Hätten Sie gedacht, dass die Google Chefs und Caparros dieser Welt Zeit und Muße in Gefühle investieren? Doch, tun sie und zwar nicht zu knapp! Wir lernen, dass die Idee, einen Wohl-fühl-Platz zu schaffen offensichtlich so lukrativ ist, dass sich Chefs eines Milliarden-Konzerns damit die Zeit “vertreiben”. Sich den Gefühlen der Zielgruppe zu widmen, ist keine Überlegung a la “Mögen Frauen Pink und Männer lieber Blau”. Caparros lässt sich von Profis wie dem Vapiano-Gründer und den Samwer-Brüdern (Klingeltöne und Möbel24) beraten. So intensiv, dass Rewe schon bei Möbel24 mitmischt. Es gehört eben schon viel Statistik-Auswertung dazu, wenn man die Kunden verstehen will: Es gibt ganze Studien-Zweige wie durch unsere Sinne der Verkauf von Lebensmittel gefördert werden kann. Da ist doch der zukünftige Rewe-Kaffee-Tresen eine nahezu offensichtliche Aussage.

  • Wo können wir den Kunden einen solchen Platz einräumen?
  • Wo können wir Gemütlichkeit und den Raum für Kontakte schaffen?
  • Welche Dynamik möchten wir uns zu Eigen machen?

Danken Sie mal darüber nach! 

 

 

Hinterlasse einen Kommentar